D`Sage vom Engelberger Tuifelstäi

Es muss wohl im Mai 1490 gewesen sein, als sich viel Volk vom Kloster Engelberg in feierlicher Prozession zum heutigen "Ende der Welt" begab. Nebst den Konventualen des Stifts mit ihrem Abt Niklaus II. ging auf dem Ehrenplatz der Generalvikar des Bischofs von Konstanz, Bischof Daniel Zehnder. Man schritt zur Weihe einer Kapelle im Horbis. Dieses kleine Gotteshaus war im Verlauf des letzten Jahres erbaut, von Abt Niklaus gestiftet, und "unserer lieben Frau" versprochen worden.

Parallel zum Weg durch das Horbistal führte hoch über den Flühen des "Chrüterli, der Nesslebalm und Gälbalm" ein Pfad zur Planggenalp. Dort ging eine Frau mit schwerer "Tschiffere" auf dem Rücken, um auf Planggen die Hütte ihrer Familie für die kommende Alpzeit sauber herzurichten. Auf ihrem Weg konnte sie die Prozession im Tale gut verfolgen, ging sie doch genau im selben Tempo in der gleichen Richtung, nur etwa 800 Meter höher oben. Der warme Talwind brachte ab und zu einen Fetzen des frommen Gesangs zu ihr hinauf. Sie mag wohl auch in gute Gedanken versunken gewesen sein und ihre Freude am neuen Kirchlein, das blank und weiss im Talesgrund stand, gehabt haben, nichts ahnend, was ihr bald begegnen sollte.

Kurz vor dem Alphag der Planggenalp, an steilem Hang, steht knapp über dem Weg ein mächtiger Felsbrocken. Auf seiner unteren Seite bildet er eine kleine Balm als "Schärmen" für vom Gewitter überraschte Menschen, als Unterstand für Schafe und Geissen und auch als Dach für das frischgetrocknete Planggenheu. Wie nun unsere Frau zu diesem Felsbrocken kommt, sieht sie erst mit Erstaunen, dann mit grösstem Schrecken, wie sich dieser ruckweise leicht wiegend bewegt. Wohl in der Absicht, die neu gebaute Kapelle zu zertrümmern, mühte sich der Leibhaftige, "Gott sei bei uns", mit gewaltiger Kraft, den Felsen ins Rollen zu bringen. Sollte ihm dies gelingen, währe die Folge für das "Chäpeli" sowie für Mensch und Vieh im Tal verheerend. Der Teufel arbeitete mit aller Kraft auf der oberen Seite des Felsens, mit dem Rücken gegen diesen, Arme und Beine gegen den Hang gestämmt. Er gewahrte das kommen der Älplerin nicht. Diese stellte schnell ihre Last auf den Weg, hastet die sieben Schritte zum Felsen hinauf und zeichnet beherzt mit dem Daumen ein Kreuz darauf. Ein markdurchdringender Schrei, Blitz, Donner und eine Wolke von Schwefeldampf werfen die Frau zu Boden, so dass sie etliche Fuss die steile Plangge hinuterrutscht und bewusstlos liegen bleibt.

Wie sie erwacht, hat sie über sich den gewaltigen Felsbrocken, unten die jäh abfallende Fluh, rings um sie sprudeln zahllose kleine Quellen aus dem Boden, der bisher als besonders trockene Stelle bekannt war. Aus der neuen Talkapelle ertönt zum ersten Mal das Evangeli-Glockenzeichen.

 

Dem Lauch der heute an dieser Stelle wächst, sagt der Kenner besondere "Rässe" nach, und wen wundert`s, dass der Felsen "Tuifelstäi" heisst