St. Kolumban und Gallus in Tuggen

Abt Kolumban und sein Schüler Gallus.
Grosse internationale St. Kolumban-Feierlichkeiten in Luxeuil 1950

Unter den 13 irischen Missionären, die gegen Ende des 6. Jahrhunderts ihre Heimat verliessen, um bei den Franken, Alemannen und Langobarden das Evangelium zu verkünden, sind Kolumban und sein Gefährte Gallus die hervorragendsten. Der hl. Kolumban gründete zunächst in Burgund das Kloster Luxeuil, aus dem wiederum viele Missionäre hervorgingen. Aus Burgund vertrieben, wirkte Kolumban in Alemannien in Tuggen am obern Zürichsee und Bodensee. Endlich zog er nach Italien, um bei der Bekehrung der Langobarden mitzuwirken. Hier gründete er das Kloster Bobbio in Oberitalien, wo er 615 starb. Der hl. Kolumban war körperlich und geistig ein Kraftmensch, eine der strahlendsten Figuren des merowingischen Europas.
Das burgundische Städtchen Luxeuil-les-Bains im Departement Haute Saöne, das alljährlich das Andenken des hl. Kolumban feiert, beging 1950 vom 20. bis 23. Juli die 1940 durch Krieg und Besetzung verunmöglichte 1400-Jahr-Feier von Kloster und Stadt. Die Feierlichkeiten standen unter dem Ehrenvorsitz des Präsidenten der Republik, Vincent Auriol, und fanden in Gegenwart hoher Persönlichkeiten des politischen, wissenschaftlichen und religiösen Lebens aus Frankreich, Irland, der Schweiz, Italien, Österreich, Belgien, Luxemburg und den USA ihren glanzvollen Abschluss. Einen Höhepunkt erreichte die Feier, als am Sonntag Vormittag der Bischof von St. Gallen, Msgr. Dr. Josephus Meile, zum Zeichen der treuen Verbundenheit von St. Gallen und Luxeuil der Basilika eine Reliquie des hl. Gallus überreichte. Ansprachen hielten u. a. Aussenminister Robert Schuman (über die Berufung Frankreichs, ein Zentrum der Kultur und des Geistes zu sein), der irische Premierminister Costello, der Vertreter des Botschafters der USA, Bischof Josephus Meile und Landammann Dr. Riedener von St. Gallen. An dem angeschlossenen wissenschaftlichen Kongress wurden Fragen der Kolumban-Forschung behandelt. P. Laurenz Kilger OSB von Uznach hätte über die Kolumbangründung von Tuggen sprechen sollen. Er war aber leider am Erscheinen verhindert. Wegen seiner Wirksamkeit in Tuggen verdient das Andenken des hl. Kolumban auch in unserer Gegend wachgehalten zu werden und ist die Kolumban Zentenarfeier in Luxeuil auch für uns von erhöhtem Interesse. Sie ist auch ein Beweis von der unzerstörbaren Kraft der katholischen Kirche, die heute noch dieselbe ist wie zu Zeiten Kolumbans, wenn sich auch äussere Formen geändert haben.

St. Kolumban  


Ein umfassendes und getreues Bild vom Wirken des hl. Kolumban und Gallus auf Schweizerboden hat Professor Fritz Blanke, Ordinarius an der theologischen Fakultät der Universität Zürich, geschrieben in seinem Buch «Columban und Gallus, Urgeschichte des schweizerischen Christentums», erschienen 1940 im Verlag Fretz & Wasmuth in Zürich. Nach Prof. Linus Birchler ist die Arbeit Blankes «die beste kritische Arbeit der letzten Jahre aus dem schweizerischen Frühchristentum, glänzend geschrieben und zugleich wissenschaftlich gründlich fundiert». Zu der Art, wie Blanke die Tuggener Episode klar macht, schreibt Professor Birchler, es jucke einen geradezu, in Tuggen Grabungen zu veranstalten, beim Gallusbrünnlein und bei der Kirche. Wer wagt also einmal einen Vorstoss ins Erdreich?
Das Leben des hl. Kolumban wurde schon 30 Jahre nach seinem Tod vom Mönch Jonas von Bobbio in einer zuverlässigen Biographie niedergeschrieben. Angaben über Kolumban finden sich auch in der um 330 vom Reichenauer Mönch Wetti geschriebenen Lebensbeschreibung des hl. Gallus. Diese beiden frühmittelalterlichen Historiker hat Blanke meisterhaft gedeutet und dadurch auch in die Tuggener Erlebnisse Licht gebracht.

In Tuggen erlebten die Irenmönche den ersten Zusammenprall mit dem alemannischen Heidentum. Über die Tuggener Erlebnisse berichtet Wetti: Der Ort habe gefallen, aber die verkehrten Gewohnheiten der Bewohner missfielen. «Grausamkeit und Bosheit herrschten unter ihnen, und sie waren dem Aberglauben der Helden ergeben. Als daher die Diener Gottes unter ihnen ihren Wohnsitz nahmen, lehrten sie dieselben, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist anbeten.» Als Gallus begann, die Tempel der Heiden niederzubrennen und das, was den Göttern geweiht worden war, in den See zu versenken, ergriffen sie gegen Gallus und Kolumban die Waffen des Hasses, der so sehr ihre Herzen entflammte, dass sie nach gepflogener Beratung den Mann Gottes, Gallus, töten und Kolumban mit Schimpf und Schande aus ihrem Gebiet verjagen wollten. Kolumban habe darum gebetet, Gott möge mit Schande dieses Volk schlagen, damit, was es Böses seinen Dienern zudenke, auf sein Haupt falle. Seine Kinder sollen dem Untergang geweiht sein (Psalm 109, 13). Die Weissagung des Psalmisten möge an ihnen erfüllt werden (Psalm 7, 17): Sein Schmerz wird auf seinen Kopf kommen und sein Frevel wird auf seinen Scheitel fallen. Die älteste Karte der Eidgenossenschaft die Türstsche (1495-97), zeigt, dass Tuggen, wie Wetti sagt, im Mittelalter am Zürichsee lag. Der obere Zürichsee reichte hakenförmig um den Buechberg herum und bespülte auch die Ufer von Tuggen. Dieser mittelalterliche Tuggenersee ist heute versumpft. Wie heute war Tuggen zur Kolumbanszeit ein Dorf (Villa), das für die Iren darum bedeutend war, weil es eine heidnisch-alemannische Kultstätte barg. Die Behauptung, dass in Tuggen Holztempel als Stätten der Gottesverehrung bestanden, nimmt Blanke als zu Recht bestehend an. Fraglich scheint ihm, dass eine Mehrzahl von Tempeln da war. Die Tuggener Tempel enthielten wohl Weihe(Opfer-)gaben, wie sie auch sonst als Inhalt germanischer Heiligtümer bezeugt sind. Da die Tuggener Votivgeschenke in den See versenkt wurden, waren sie offenbar aus Metall. Blanke nimmt an, dass um 550 Alemannen nach Tuggen gekommen seien und also bereits zwei Menschenalter vor Kolumbans Erscheinen dort weilten und die dortige Kultstätte der religiöse Mittelpunkt des Landstrichs war.
Die Tuggener Ortsüberlieferung bezeichnet die Anhöhe«Egg» als die Stelle, wo die Irenmönche ihre Zellen bauten. Dort fanden die Mönche Wasser (noch heute fliesst auf der Egg eine Quelle, die wohl in Erinnerung an den Wohnsitz der Iren schon im Mittelalter Gallusbrünnlein hiess), sie fanden dort auch Einsamkeit, und die anmutige Rundsicht musste auch den angeborenen Natursinn der Iren befriedigen.
Für die Forschung eine schwierige Frage ist die, ob Kolumban in Tuggen ein irisches Kloster gegründet habe. Nach der Ortsüberlieferung standen die Heidentempel an der Stelle, die heute die Kirche einnimmt. Die Vernichtung der Heidentempel war ein Hauptmittel, um den Heiden die Unkraft ihrer eigenen Götter und die Übermacht des Christengottes zu beweisen. Dem Schicksal, getötet zu werden, entzogen sich die Iren mit ihren Genossen durch die Flucht. Der in die Form eines Gebetes gekleidete Fluch Kolumbans über die Tuggener war ein Stück der damaligen Missionsmethode, ein letztes Mittel, die Alemannen zur Umkehr zu bewegen, und hat in den alttestamentlichen Rachepsalmen seine Vorbilder.
Nach Blanke ist der Fluch Kolumbans, zumal bei dessen loderndem Temperament, denkbar und nach P. Kilger auch eine Voraussage der Bekehrung der Tuggener Kinder. Von Tuggen wandten sich die Flüchtlinge an den Bodensee.

aus: Paul Letter - Die Schweizer Kulturgemeinschaft im Lauf der Jahrhunderte