Das Geschenk Odins: die Runen

Gemessen an ihren grossartigen Leistungen
als Krieger, Seefahrer und Kaufleute haben die Wikinger wenig davon schriftlich
festgehalten. Wenn sie aber Sprachliches verewigten - auf Grabsteinen, Wegmarkierungen,
Waffen oder Amuletten -, schrieben sie in Runen, den alten magischen Schriftzeichen der Götter.
Nach den wikingischen Legenden war das Runenalphabet ein Geschenk Odins, des
Gottes der Krieger, der Dichter und der magischen Kräfte. In leidenschaftlichem
Wissensdrang klammerte sich Odin neun Tage und neun Nächte lang an die vom Wind
geschüttelten Zweige eines Baumes, um das Geheimnis der Runenschrift zu
entdecken. Durch die Kenntnis der Runen wurde Odin noch mächtiger, und
schliesslich gab er sein Wissen an die Sterblichen weiter.
Der Ursprung des Runenalphabets ist
tatsächlich ungewiss. Die Erfindung der Runen ist verschiedentlich den Griechen,
den Etruskern, den Römern und sogar den Goten zugeschrieben worden. Die
Entdeckung runenähnlicher Schriftzeichen in den Dolomiten Südtirols lässt aber
darauf schliessen, dass diese Schrift irgendwann im ersten vorchristlichen
Jahrhundert durch ein unbekanntes Alpenvolk entwickelt wurde. Im Zuge der
Völkerwanderung wurde die Runenschrift von Germanenstämmen übernommen, die sie
an die altgermanische Sprache anpassten und etwa im 3. Jahrhundert bis in den
Norden Skandinaviens hinauf verbreiteten. Im 9. Jahrhundert bestand das
Runenalphabet aus 16 Schriftzeichen, von denen jedes nicht nur einen Laut-,
sondern auch ein Begriffswert hatte. Ein alleinstehendes "F" hatte
beispielsweise die Bedeutung Vieh; in Verbindung mit anderen Buchstaben ergab
"F" aber ein anderes Wort.